Die heutigen Central Archives for the History of the Jewish People (CAHJP, zukünftig Archives of the Jewish People, AJP) wurden 1939 in Jerusalem gegründet und umfassen Bestände aus tausenden jüdischen Gemeinden aus aller Welt und internationalen jüdischen Organisationen. Das Originalmaterial unterteilt sich in drei primäre Bestandskategorien: Jüdische Gemeinden, internationale jüdische Organisationen und Privatsammlungen.
Zu den Beständen zählen die Archive der JCA, ORT, OSE und einiger Zweigstellen der Alliance, die Akten der JRSO, URO und JTC oder der Claims Conference sowie private Sammlungen und persönliche Dokumente von öffentlich wirksamen und unbekannteren Persönlichkeiten, die Einblicke in den Alltag des 15. bis 20. Jahrhunderts geben.
Jüdinnen und Juden lebten nicht isoliert von der umgebenden Gesellschaft, und viele Staats-, Bezirks-, Stadt- und Kirchenarchive bewahrten umfangreiche Dokumente auf. Seit ihrer Gründung initiierten die CAHJP weltweit Recherchen und Reproduktionsprojekte in Hunderten von Archiven, in denen zahlreiche Dokumente zum jüdischen Leben gefunden und in großem Umfang kopiert und verfilmt wurden. Daneben bieten die CAHJP Inventarien und Repertorien über Archivmaterial aus anderen Archiven, ebenfalls weltweit.
Gebäude der National Library of Israel, in der die CAHJP untergebracht sind, 2026.
Das jüdische Archivwesen nimmt seinen Anfang mit einem Artikel, den Simon Dubnow 1891 in der russischen Zeitung „Voskhod” veröffentlichte, in welchem er ein Programm für die Sammlung und Katalogisierung dokumentarischen Materials des russischen Judentums vorstellte. Der Artikel erntete enthusiastische Reaktionen der russisch-jüdischen Intelligentia und führte zu der Gründung „Jüdisch historisch-ethnographischer Kommissionen” in St. Petersburg und später in Kiew.
Ein zweiter wichtiger Schritt war die Gründung des Gesamtarchivs der deutschen Juden im Jahre 1905 in Berlin, die auf Eugen Täubler zurückgeht, dessen Sammlungen sich heute in Jerusalem und Berlin befinden. Die heutigen CAHJP – damals Jewish Historical General Archives – verstanden sich in der Nachfolge des Gesamtarchivs der deutschen Juden und auch als Erbe der vernichteten Gemeinden in dem Vorhaben, mittels „Ingathering of the Exiles”, das Einholen oder Heimholen der verstreuten Akten, dem deutschen Judentum ein würdiges Denkmal zu setzen.
Bereits bei ihrer Gründung im Jahre 1924 postulierte die Jewish Historical Society of Israel [damals: The Palestine Historical and Ethnographical Society] die Errichtung eines National- und Zentralarchivs als eine ihrer wichtigsten Aufgaben. Damals ging es um die Errichtung eines Archivs, das Materialien und Dokumente zur Geschichte der Nationalbewegung des Zionismus und zur Geschichte des neuen Yishuv in Palästina versammeln sollte und schließlich 1935 zur Etablierung der Central Zionist Archives führte. Mit der Gründung des Fachbereiches für Geschichte an der Hebräischen Universität im Jahre 1936 entstand auch die Notwendigkeit, der historischen Forschung Material und Werkzeug bereitzustellen und ein Archiv zu gründen.
Depotraum in den Central Archives for the History of the Jewish People in Jerusalem.
Pläne, die Hebräische Universität als Schirmherrin und Finanzier dieses Vorhabens zu gewinnen, schlugen fehl und führten 1939 zur Gründung der Jewish Historical General Archives (JHGA) – den heutigen CAHJP – zunächst außerhalb und unabhängig von der Hebräischen Universität. Es sollte bis zum Jahr 1944 dauern, dass Dinur zwischen den JHGA und der Hebräischen Universität vermitteln und ein Abkommen erreichen konnte, in deren Folge die JHGA mit der Palestine Historical and Ethnographical Society und damit der Hebräischen Universität assoziiert wurden.
Bereits im April 1944 erging an die Direktion der damaligen JHGA der Aufruf, Material über die Verfolgung in Deutschland und in den von den Nazis okkupierten Ländern zu sammeln. Weltweit begannen Organisationen und Institutionen, wie die Wiener Library in London, der Jewish World Congress und das YIVO Institut in New York, das Centre de Documentation Juive Contemporaine in Paris sowie das Hilfskomitee der Jewish Agency, der zionistische Gewerkschaftsbund und die Central Zionist Archives in Israel gemeinsame Anstrengungen zu unternehmen, Material zu lokalisieren und über Wege und Möglichkeiten nachzudenken, die Akten nach Jerusalem zu überführen. Das Ziel dieser Bemühungen war ein zweifaches: Die Quellen sollten sowohl aus juristischen Gründen für die folgenden Kriegsverbrecherprozesse als auch zu wissenschaftlich-historischen Zwecken gesichert werden. Nach Kriegsende zeigte sich, dass erhebliche Mengen des von der Gestapo 1938 beschlagnahmten jüdischen Archivguts in den jeweiligen deutschen Staatsarchiven eingelagert worden war. Zu Beginn der 1950er Jahre erfuhr das zunächst noch kleine Jerusalemer Archiv eine bedeutende Vergrößerung, als nach langwierigen Verhandlungen zwischen dem israelischen Staat und staatlichen deutschen sowie lokalen jüdischen Stellen das verbliebene jüdische Archivgut auf behördliche Anordnung dem Jerusalemer Archiv zur Verwahrung übergeben wurde. Ein besonderer Fall ist das Archiv der Hamburger Gemeinde, dessen Bestand zwischen dem Staatsarchiv Hamburg und den Central Archives for the History of the Jewish People in Jerusalem geteilt wurde.
Die heutigen Central Archives for the History of the Jewish People (zukünftig Archives of the Jewish People) wurden formal erst 1969 von sieben öffentlichen und wissenschaftlichen Institutionen als unabhängige öffentliche Einrichtung und Aktiengesellschaft etabliert. Bis zur Fusion mit der National Library of Israel (NLI) im Jahr 2015 setzte sich der wissenschaftliche Beirat der CAHJP aus folgenden Mitgliedern zusammen: die Israelische Regierung, die Jewish Agency, die Historical Society of Israel, die Israel Academy of Sciences and Humanities, die Hebräische Universität in Jerusalem sowie die Universität von Tel-Aviv und der Bar Ilan Universität.
Heute ist die israelische Nationalbibliothek (NLI) die Hauptaktionärin der CAHJP, wobei beide Institutionen in den Bereichen Digitalisierung und Zugänglichkeit, Outreach oder Konservierung eng zusammenarbeiten.
Beispielhafte Quelle aus dem Bestand Altona Hamburg Wandsbek, CAHJP.