Institut für die Geschichte der deutschen Juden

Das Institut für die Geschichte der deutschen Juden (IGdJ) wurde 1966 als erste Einrichtung in der Bundesrepublik, die sich ausschließlich der Erforschung der deutsch-jüdischen Geschichte widmete, gegründet. Als außeruniversitäres Forschungsinstitut setzt es Forschungs- und Vermittlungsprojekte, wie z.B. zur Migrations-, Rechts- und Architekturgeschichte, zur Shoah und ihrer Nachgeschichte, zum jüdischen Leben in der Gegenwart, zu aktuellen Fragen des Erinnerns und Gedenkens sowie zur Digital Jewish History um.

Vorgeschichte

Die Gründungsgeschichte des IGdJ ist eng verbunden mit den Diskussionen, zum Umgang mit dem Archiv der jüdischen Gemeinden im Hamburger Raum (Altona, Hamburg, Wandsbek) nach 1945. Nachdem die Gemeindearchivalien Nationalsozialismus und Zweiten Weltkrieg durch die zwischen 1938 und 1944 im Kontext der drohenden Beschlagnahmung durch die Gestapo erfolgte Übergabe an das Staatsarchiv weitgehend unbeschadet überstanden hatten, entstand in der Nachkriegszeit ein Konflikt um den zukünftigen Aufbewahrungsort wie auch die Deutungshoheit über dieses umfangreiche und über 400 Jahre jüdischer Geschichte dokumentierende Quellenmaterial. Die Jewish Trust Corporation als Treuhandgesellschaft für jüdische Vermögenswerte und Kulturgüter in der britischen Besatzungszone klagte vor dem Landgericht Hamburg auf die Herausgabe der Akten, um diese nach Israel zu überführen, während die Freie und Hansestadt die Quellenbestände auch weiterhin vor Ort wissen wollte. Der Rechtsstreit konnte schließlich 1959 in einem Vergleich gelöst werden, der zugleich den Grundstein des IGdJ legte. Denn dieser Vergleich sah nicht nur vor, die Quellen zwischen dem Hamburger Staatsarchiv und den Jewish Historical General Archives (später Central Archives for the History of the Jewish People) aufzuteilen, sondern regte zugleich die Gründung eines Forschungsinstitutes an, um den Quellenbestand in Hamburg wissenschaftlich zu erschließen.

Außenansicht des IGdJ, Beim Schlump

Die Gründung

Ähnlich wie der Konflikt um den Verbleib des Archivs war auch die Gründung des Instituts und die Besetzung seiner Leitung mit Diskussionen verbunden. Die auszuhandelnden Fragen waren dabei dieselben: wer sollte und konnte deutsch-jüdische Geschichte erforschen und repräsentieren und wo? Konnte historische Forschung zur jüdischen Geschichte im Land der Täterinnen und Täter betrieben werden?

Vorangetrieben wurde die Institutsgründung von einzelnen Persönlichkeiten wie dem Slawistik-Professor Dietrich Gerhardt an der Universität Hamburg, dem aus Hamburg stammenden Bankier Eric M. Warburg oder dem Hamburger Notar Hans W. Hertz. Warburg und Hertz waren bereits 1953 an der Gründung der Arbeitsgemeinschaft zur Erforschung der Geschichte der Juden in Hamburg unter Leitung von Fritz Fischer, Professor für Mittlere und Neuere Geschichte an der Universität Hamburg, beteiligt gewesen und auch in den Konflikt um die Aufbewahrung der Gemeindearchive aktiv involviert. Unterstützung fand die Initiative für ein Forschungsinstitut schließlich nicht nur bei der Universität Hamburg, sondern auch bei der Hamburgischen Wissenschaftlichen Stiftung und der Hamburgischen Bürgerschaft.

Im Ausland, vor allem unter jüdischen ehemaligen Hamburgerinnen und Hamburgern in Israel herrschte hingegen eine ablehnende Haltung vor. Neben dem Standort spielten dabei auch von Beginn an Personalfragen eine zentrale Rolle. So wuchs die Kritik im In- und Ausland als der Plan bekannt wurde, Karl Heinrich Rengstorf, Leiter des Institutum Judaicum Delitzschianum in Münster und Professor für evangelische Theologie, zum Direktor zu ernennen. Seine Funktion als Vorsitzender des Evangelisch-Lutherischen Zentralvereins für Mission unter Israel schien den Kritikern unvereinbar mit einer unvoreingenommenen Erforschung deutsch-jüdischer Geschichte, seine Personalie wurde von vielen daher als untragbar angesehen. Dies führte zu seinem Rückzug.

Mit der Wahl des deutsch-israelischen Historikers und Religionsphilosophen Heinz Moshe Graupe, der in Hamburg geboren und 1933 nach Palästina geflohen war, zum ersten Direktor des IGdJ war der Konflikt vorerst beendet.

Aufnahme des IGdJ-Archivs

Forschungsprofil und Aufgaben

In den folgenden Jahrzehnten veränderte sich unter den verschiedenen Leitungen und im Kontext des sich dynamisch weiter entwickelnden Forschungsfeldes der Jüdischen Studien Forschungsprofil wie Aufgaben des IGdJ. Die Arbeit mit und an den Quellen zur jüdischen Geschichte Hamburgs bildet hingegen eine Konstante: Waren es in den frühen Jahrzehnten vor allem umfangreiche Quellensammlungen zur über 400-jährigen jüdischen Geschichte der Stadt, die etwa von Heinz Moshe Graupe, Gunter Marwedel oder Ina Lorenz herausgegeben wurden, steht die Arbeit mit und an den Quellen zur jüdischen Geschichte Hamburgs inzwischen im Zentrum der digitalen Angebote. Zum 50. Jubiläum launchte das IGdJ die Online-Quellenedition „Hamburger Schlüsseldokumente zur deutsch-jüdischen Geschichte“, die Quellen zur jüdischen Geschichte Hamburgs als Digitalisat und wissenschaftlich ediertes Tran-skript bereitstellt sowie durch begleitende Interpretations- und Hintergrundtexte kontextualisiert. Ein Großteil der dort aufbereiteten Quellen stammt aus dem Staatsarchiv der Freien und Hansestadt Hamburg und den Jerusalemer Central Archives for the History of the Jewish People. Damit ist die Schlüsseldokumente-Edition ein erster Schritt in Richtung einer virtuellen Zusammenführung und Bearbeitung der beiden Bestände im Zeichen des digital turns in den Geisteswissenschaften. Zugleich stellt das Institut selbst seine visuellen Archivalien im „Bildarchiv jüdische geschichte&gegenwart“ bereit und wird zunehmend hinsichtlich der Übernahme von familiären Sammlungen als bewahrende Einrichtung wahrgenommen und angefragt, sodass neben der Erforschung auch die Bewahrung von Archivalien neuerlich an Bedeutung gewinnt.

Telegramm mit Glückwünschen zur Eröffnung des Instituts

Ausführlich zur Gründungsgeschichte des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden: Björn Siegel, Verworrene Wege. Die Gründungsphase des IGdJ, in: 50 Jahre – 50 Quellen. Festschrift zum Jubiläum des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden, hrsg. v. IGdJ, Hamburg 2026, S. 26-53, online unter: https://igdj-hh.de/fileadmin/user_upload/igdj_50jahre-50quellen-festschrift.pdf

Für weitere Informationen zu den Archivbeständen, schauen Sie gerne im Bildarchiv vorbei oder kontaktieren Sie uns unter kontakt@igdj-hh.de.

Hamburger Schlüsseldokumente: https://schluesseldokumente.net/

Bildarchiv jüdische geschichte&gegenwart: https://bildarchiv-juedische-geschichte.de/